Der Weg der Familie

Der Nachvollzug der Herkunft von Wörtern ist manchmal aufschlussreich, wenn es darum geht auch das zu verstehen, was hinter ihrer alltagssprachlichen Bedeutung verborgen liegt. Wenn man die Herkunft des Wortes Familie unter die etymologische Lupe nimmt und die Veränderungen der mit diesem Wort verbundenen Assoziationen und Konnotationen nachvollzieht, so trifft das ebenfalls zu. Das Wort Familie ist vom lateinischen Wort famulus abgeleitet, was sich mit Gehilfe oder Diener übersetzen lässt. So stand beispielsweise im antiken Rom nicht die Vorstellung einer Kernfamilie im Vordergrund dessen, was mit diesem Wort verbunden wurde, sondern die der kleinsten ökonomischen Einheit. Der pater familias, also das ranghöchste männliche Familienoberhaupt, war für eine aus den Kindern, der Frau, den Sklaven und den daraus hervorgehenden Familienmitgliedern bestehende Familienkonstellation bezeichnend. Die patriarchalische Position des pater familias verlieh der Familie aus heutiger Sicht eher den Charakter eines Herrschafts- oder Machtverhältnisses, die zudem vermögensrechtlich ausgerichtet war.

Eine wesentliche Zäsur erfuhr die Familie als Institution im Mittelalter durch die vom Christentum eingeführte Eheschließung. Der Bund der Ehe war im Mittelalter noch primär ein Bund zwischen zwei Häusern. Durch die eheliche Verbindung wurde die kernfamiliäre Familienzugehörigkeit zu einer umfassenderen und somit stärkenden Einheit erweitert. Gillis bemerkt: „Unsere Vorfahren wären nie auf den absurden Gedanken gekommen, etwas so Wichtiges wie Ehe und Familie auf etwas so Unzuverlässiges wie das Gefühl persönlicher Zuneigung und Liebe zu gründen”. (John R. Gillis: Mythos Familie. Auf der Suche nach der eigenen Lebensform). Was sich jedoch zu dieser Zeit entwickelte war das Prinzip der Hausgemeinschaft als ein charakteristischer Rahmen für eine Familiengemeinschaft. Doch erst im Laufe des 18. Jahrhundert setzte sich das aus dem Französischen abgeleitete und alltagssprachliche Wort Familie, im heutigen Sinne eines blutsverwandtschaftlichen Verbandes und einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation, durch. Die Vorstellung von Familie entwickelte sich zunehmend von einem ökonomischen Verband zu einer emotionalen Gemeinschaft. Ein Jahrhundert später führten die genannten Veränderungen dann auch zum Ausschluss des Zusammenlebens mit nichtverwandten Personen, womit zugleich die bürgerliche Vorstellung einer selbstgegründeten, geschlosseneren kernfamiliären Intimität einherging. Zugleich kam es jedoch bei den Bürger- und Arbeiterfamilien, durch die existenziell notwendig gewordene Verlagerung des Arbeits- und Lebensortes und der damit einhergehenden Entstehung von immer mehr Stadtfamilien, zu einer Auflösung der Lebensform vom Prinzip der Hausgemeinschaft.

Und was hat sich bis heute verändert? Anders als damals sind heute nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familienkonzepte nahezu selbstverständlich. Fortpflanzung und Lebensgemeinschaft bedürfen heute keiner Legitimation durch eine eheliche Normierung. Die allgemeingültigen Merkmale für eine typische Familie werden immer dehnbarer. Mittlerweile lassen sich an die hundert Familientypen unterscheiden. Patchwork Familien, verschiedene Varianten von Einelternfamilien, Regenbogenfamilien oder Pflegefamilien sind nur einige dieser rechtlich und gesellschaftlich zumeist tolerierten, anerkannten und staatlich geförderten Familienvarianten. Die kulturellen, sexuellen, sozialen Variationen in gesellschaftlichen Zeit-Räumen haben eine Vielzahl von Familienstrukturen hervorgebracht, die, im Gegensatz zu ihren Vorgängerversionen, weniger patriarchalisch gestimmt sind, weniger weltanschaulichen Konsens aufweisen, einen teils eigenständigeren mikropolitischen Entstehungs- und Schutzraum bieten und in denen die Kinder zugleich wesentlich mehr erzieherischen Einflüssen ausgesetzt sind. So üben beispielsweise neben den Eltern, den Verwandten, den Freunden und den Kindergärtnern und Lehrern auch eine Vielzahl von Medien erzieherischen Einfluss auf die Denk- und Handlungsweisen von Kindern aus.

Von der Antike bis heute hat sich das, was wir unter der Bezeichnung Familie zusammenfassen also kontinuierlich verändert und wurde in verschiedenen Kulturen immer wieder neu definiert. Die Lebensform Familie mag als solche demnach unverwüstlich sein, wie Tilman Allert sagt, doch die strukturellen, mikropolitischen Eigenheiten der Familie und das Verständnis davon was Familie ist und was sie ausmacht, sind keine anthropologischen Konstanten, sondern vielmehr epochen- und kulturspezifische Variablen.

Familie zuzulassen bedeutet also immer auch Veränderungen und Alternativen zuzulassen. Dafür gilt es zu verstehen, dass sich jede Idee von Familie stets nur an einem variablen Punkt auf der fortschreitenden Entwicklungslinie der menschlichen Geschichte befindet.

Um dem emotionalen Stellenwert gerecht zu werden, der die Idee von Familie heute charakterisiert, könnte man sie als einen vertrauten Ort des Vertrauens beschreiben, in dem der Sehnsucht nach Liebe, Schutz und Geborgenheit eine Heimat geboten wird. Dort, wo sich ein solcher Ort realisiert, ist Familie.

Theodoros Konstantakopoulos

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