Gedanken zur Fremdheit. Fremde Nähe, vertraute Ferne

Die Frage, was Fremdheit von oder zwischen Menschen ausmacht, mag im ersten Moment trivial erscheinen. Die meisten würden wohl darauf antworten: Fremd ist mir jemand, den ich nicht kenne oder den ich nicht verstehe. Doch was heißt es, jemanden nicht zu kennen oder nicht zu verstehen und im Umkehrschluss stellt sich die Frage: Ab wann kann ich sagen, dass ich jemanden kenne oder verstehe? Man könnte hier erneut die kurze, wenngleich unvollständige Antwort geben, ich kenne oder verstehe jemanden nicht, solange ich nicht weiß, wie er sich in bestimmten Situationen verhält und wie er denkt und fühlt. Doch bietet diese Erklärung ein ausreichendes Verständnis von Fremdheit zwischen Menschen? Natürlich nicht. Denn Fremdheit ist mehr als ein Mangel an Erfahrung oder Kenntnis im Umgang mit Menschen und somit mehr als nur ein Zustand, der sich durch spezifische Erfahrung und Kenntnis verändern lässt. Natürlich gibt es Formen von Fremdheit, die sichtbar sind (andere Hautfarbe, Körperbeschaffenheit, Körpersprache etc.). Es gibt aber auch solche Formen von Fremdheit, die durch zwischenmenschliche Interaktionen erfahrbar sind oder erfahrbar werden (Sprache, Verhalten, Einstellung etc.) und die sich durch eine bewusste Auseinandersetzung damit mehr oder weniger verringern oder relativieren lassen. Aber fremd kann uns auch etwas sein, das unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrung, Einstellung und Lebensweise prägt und das für uns trotzdem grundsätzlich nicht wahrnehmbar oder erfahrbar ist (Gott, der Tod). Es gibt also Formen von Fremdheit, die sich mittels unserer Möglichkeiten der Erfahrung verringern lassen und solche, die bestehen bleiben und mit denen wir leben müssen.

Wir können das, was wir als fremd empfinden auf drei verschiedene Ursachen zurückführen.

  1. Diejenige, die soziokulturell bedingt ist (Sprache, Religion, Sitten und Bräuche, Kleidung, Hautfarbe etc.),
  2. diejenige die empirisch bedingt ist (Mangel an oder Divergenz von Erfahrungswerten),
  3. diejenige die kognitiv bedingt ist (spezifische und/oder unterschiedliche Erkenntnis- und Wahrnehmungsfähigkeit).

Letztere Form von Fremdheit ergibt sich durch die Spezifik des allgemeinen und des individuellen Kognitionsvermögens von Menschen als solchem, aber auch zwischen Menschen (z.B. mit und ohne Behinderung). Empirisch bedingte Fremdheit ergibt sich beispielsweise durch die teils stark abweichenden Erfahrungswerte zwischen den verschiedenen Generationen oder aufgrund der Differenz zwischen biographischen Ereignissen.

Wenn Lebensvorstellungen und Möglichkeiten variieren, ergeben sich somit (auch über Sprachbarrieren hinaus) kommunikative Kluften zwischen Menschen, die ein Gefühl von Fremdheit erzeugen oder bestehende Distanzen und Misstrauen bestärken. Fremdheit, in der Raummetapher der Distanz beschrieben, kann aber auch ein partieller Zustand in einem vertrauten Verhältnis sein, der psychisch bestehen bleibt, weil ein Mensch sich aus unterschiedlichen Gründen nicht öffnen kann. Überwundene Traumata oder Krisen sind oft die Ursache für solche distanzeinhaltenden Sicherheitspuffer.

Doch genaugenommen wird jede Nähe, die wir zu besitzen glauben, von Momenten der Distanz genährt und jede Distanz ohne die Möglichkeit zur Annäherung brückenlos. Annemarie Bostroem drückt es mit den Worten aus: „Nähe ohne Distanz führt zum Aufprall, Distanz ohne Nähe zur Trennung.“

Dieses Wechselverhältnis aus Nähe und Distanz birgt jedoch auch eine Paradoxie: Vertrautheit garantiert kein Vertrauen und Fremdheit bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir uns im Schoße der Anonymität nicht sicher fühlen können.

Fremdheit kann innerhalb einer Gruppe als auch zwischen Gruppen bzw. zu anderen Gruppen bestehen oder entstehen. Die Fremdheit innerhalb der eigenen Gruppe könnte man auch eine ›mikrosoziologische Fremdheit‹ nennen, die sich insofern von der ›makrosoziologischen Fremdheit‹ zwischen Gruppen unterscheidet, als sie Differenzen zwischen Subjekten an größeren Allgemeinheiten festmacht.

Um Konstruktiv mit Fremdheit umgehen zu können, müssen wir einen (im Sinne der europäischen Aufklärung) humanistischen Blick auf Menschen pflegen, die wir nicht verstehen und zu denen wir keinen Zugang haben. Humanistisch besagt hier: In der Distanz Anlässe für eine Annäherung und nicht solche für eine Ausgrenzung zu suchen. Die fehlende Bereitschaft einen eigenen emphatischen Anteil zu leisten bedeutet, keinen Schritt auf den anderen zugehen zu wollen und sich somit gegenüber den Möglichkeiten zu verschließen, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen. Scheinbare Nähe und Distanz sollte nicht unsere Einstellung leiten, wir sollten mittels unserer Einstellung das Verhältnis von Nähe und Distanz selbst und so dosieren, dass kein Übermaß an eigenen Antipathien oder auch Sympathien entsteht, das bei uns und anderen Schaden anrichtet. Denn der Bedarf an Nähe und Distanz ist eine empfindliche zwischenmenschliche Variable, die es in jeder Beziehung neu zu suchen, zu finden und zu pflegen gilt.

Jeder der verschiedenen Aspekte von Fremdheit, der hier angesprochen wurde, konnte natürlich nur angerissen werden. Denn jeder einzelne Aspekt beinhaltet so viel, dass sich ein Buch darüber schreiben ließe. Hier und dort ist das auch schon geschehen.

In Anlehnung an Walter Benjamin müssen und können wir zumindest diese ersten Gedanken mit den Worten abschließen:

Fremdheit ist die Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag.

 

Theodoros Konstantakopoulos

Hinterlasse eine Antwort