Gedanken zur Fremdheit. Fremde Nähe, vertraute Ferne

Die Frage, was Fremdheit von oder zwischen Menschen ausmacht, mag im ersten Moment trivial erscheinen. Die meisten würden wohl darauf antworten: Fremd ist mir jemand, den ich nicht kenne oder den ich nicht verstehe. Doch was heißt es, jemanden nicht zu kennen oder nicht zu verstehen und im Umkehrschluss stellt sich die Frage: Ab wann kann ich sagen, dass ich jemanden kenne oder verstehe? Man könnte hier erneut die kurze, wenngleich unvollständige Antwort geben, ich kenne oder verstehe jemanden nicht, solange ich nicht weiß, wie er sich in bestimmten Situationen verhält und wie er denkt und fühlt. Doch bietet diese Erklärung ein ausreichendes Verständnis von Fremdheit zwischen Menschen? Natürlich nicht. Denn Fremdheit ist mehr als ein Mangel an Erfahrung oder Kenntnis im Umgang mit Menschen und somit mehr als nur ein Zustand, der sich durch spezifische Erfahrung und Kenntnis verändern lässt. Natürlich gibt es Formen von Fremdheit, die sichtbar sind (andere Hautfarbe, Körperbeschaffenheit, Körpersprache etc.). Es gibt aber auch solche Formen von Fremdheit, die durch zwischenmenschliche Interaktionen erfahrbar sind oder erfahrbar werden (Sprache, Verhalten, Einstellung etc.) und die sich durch eine bewusste Auseinandersetzung damit mehr oder weniger verringern oder relativieren lassen. Aber fremd kann uns auch etwas sein, das unsere Wahrnehmung, unsere Erfahrung, Einstellung und Lebensweise prägt und das für uns trotzdem grundsätzlich nicht wahrnehmbar oder erfahrbar ist (Gott, der Tod). Es gibt also Formen von Fremdheit, die sich mittels unserer Möglichkeiten der Erfahrung verringern lassen und solche, die bestehen bleiben und mit denen wir leben müssen.

Wir können das, was wir als fremd empfinden auf drei verschiedene Ursachen zurückführen.

  1. Diejenige, die soziokulturell bedingt ist (Sprache, Religion, Sitten und Bräuche, Kleidung, Hautfarbe etc.),
  2. diejenige die empirisch bedingt ist (Mangel an oder Divergenz von Erfahrungswerten),
  3. diejenige die kognitiv bedingt ist (spezifische und/oder unterschiedliche Erkenntnis- und Wahrnehmungsfähigkeit).

Letztere Form von Fremdheit ergibt sich durch die Spezifik des allgemeinen und des individuellen Kognitionsvermögens von Menschen als solchem, aber auch zwischen Menschen (z.B. mit und ohne Behinderung). Empirisch bedingte Fremdheit ergibt sich beispielsweise durch die teils stark abweichenden Erfahrungswerte zwischen den verschiedenen Generationen oder aufgrund der Differenz zwischen biographischen Ereignissen.

Wenn Lebensvorstellungen und Möglichkeiten variieren, ergeben sich somit (auch über Sprachbarrieren hinaus) kommunikative Kluften zwischen Menschen, die ein Gefühl von Fremdheit erzeugen oder bestehende Distanzen und Misstrauen bestärken. Fremdheit, in der Raummetapher der Distanz beschrieben, kann aber auch ein partieller Zustand in einem vertrauten Verhältnis sein, der psychisch bestehen bleibt, weil ein Mensch sich aus unterschiedlichen Gründen nicht öffnen kann. Überwundene Traumata oder Krisen sind oft die Ursache für solche distanzeinhaltenden Sicherheitspuffer.

Doch genaugenommen wird jede Nähe, die wir zu besitzen glauben, von Momenten der Distanz genährt und jede Distanz ohne die Möglichkeit zur Annäherung brückenlos. Annemarie Bostroem drückt es mit den Worten aus: „Nähe ohne Distanz führt zum Aufprall, Distanz ohne Nähe zur Trennung.“

Dieses Wechselverhältnis aus Nähe und Distanz birgt jedoch auch eine Paradoxie: Vertrautheit garantiert kein Vertrauen und Fremdheit bedeutet nicht zwangsläufig, dass wir uns im Schoße der Anonymität nicht sicher fühlen können.

Fremdheit kann innerhalb einer Gruppe als auch zwischen Gruppen bzw. zu anderen Gruppen bestehen oder entstehen. Die Fremdheit innerhalb der eigenen Gruppe könnte man auch eine ›mikrosoziologische Fremdheit‹ nennen, die sich insofern von der ›makrosoziologischen Fremdheit‹ zwischen Gruppen unterscheidet, als sie Differenzen zwischen Subjekten an größeren Allgemeinheiten festmacht.

Um Konstruktiv mit Fremdheit umgehen zu können, müssen wir einen (im Sinne der europäischen Aufklärung) humanistischen Blick auf Menschen pflegen, die wir nicht verstehen und zu denen wir keinen Zugang haben. Humanistisch besagt hier: In der Distanz Anlässe für eine Annäherung und nicht solche für eine Ausgrenzung zu suchen. Die fehlende Bereitschaft einen eigenen emphatischen Anteil zu leisten bedeutet, keinen Schritt auf den anderen zugehen zu wollen und sich somit gegenüber den Möglichkeiten zu verschließen, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen. Scheinbare Nähe und Distanz sollte nicht unsere Einstellung leiten, wir sollten mittels unserer Einstellung das Verhältnis von Nähe und Distanz selbst und so dosieren, dass kein Übermaß an eigenen Antipathien oder auch Sympathien entsteht, das bei uns und anderen Schaden anrichtet. Denn der Bedarf an Nähe und Distanz ist eine empfindliche zwischenmenschliche Variable, die es in jeder Beziehung neu zu suchen, zu finden und zu pflegen gilt.

Jeder der verschiedenen Aspekte von Fremdheit, der hier angesprochen wurde, konnte natürlich nur angerissen werden. Denn jeder einzelne Aspekt beinhaltet so viel, dass sich ein Buch darüber schreiben ließe. Hier und dort ist das auch schon geschehen.

In Anlehnung an Walter Benjamin müssen und können wir zumindest diese ersten Gedanken mit den Worten abschließen:

Fremdheit ist die Erscheinung einer Ferne, so nah sie auch sein mag.

 

Theodoros Konstantakopoulos

Auswege und Sackgassen des Vertrauens

In Situationen der Unsicherheit oder Ohnmacht brauchen wir eine Kraft, die uns ›Halt‹ bietet und uns Mut verleiht. Auch wenn die Quelle dieser Kraft in uns liegt, so lässt sie sich doch am besten in einer Gemeinschaft gewinnen. Gemeint ist das Vertrauen.

Um überhaupt von Vertrauen sprechen zu können, muss eine Situation vorliegen, in der wir auch etwas verlieren können oder das Gefühl hätten wir könnten etwas verlieren. Wenn wir nichts zu verlieren haben, so müssen und werden wir auch kein Vertrauen entwickeln. Situationen, die uns Vertrauen abverlangen, können solche sein, in die wir uns mehr oder weniger freiwillig begeben (Bergbesteigung, Beziehung, Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel, etc.) oder solche, in die wir mehr oder weniger gezwungen wurden oder gezwungen werden (Arbeitsverhältnis, Operationen, Verzehr von industriellen Nahrungsmitteln etc.). Vertrauen kann zwischen verschiedenen Menschen oder in Bezug auf die eigenen Fähigkeiten entstehen. Die Fähigkeit Vertrauen zu können, lässt sich nur durch Erfahrung und stetig gelingende Interaktion gewinnen, mit anderen Worten, Vertrauen ist erst dann gegeben, wenn wir uns sicher fühlen. Ein Kind schenkt seinen Eltern sein Vertrauen, wenn diese ihm auch das Gefühl von Sicherheit bieten, das es benötigt. Freunde gewinnen das gegenseitige Vertrauen, wenn sie das gegenseitige Gefühl von Gewissheit entwickeln, sich auf den jeweils anderen verlassen zu können – sei es ein anvertrautes Geheimnis oder eine wichtige Verabredung. Je nachdem worin wir vertrauen haben und worin nicht, bieten oder verschließen sich uns bestimmte Entscheidungs-, Entwicklungs- oder Handlungsmöglichkeiten. Wenn wir etwas nicht wissen können und trotzdem mit einem Gefühl von Sicherheit handeln können, so als ob wir es wüssten, dann kann man sagen, dass wir auf etwas vertrauen.

Einiges setzt also bereits ein gewisses Maß an Vertrauen voraus, um überhaupt erst entstehen zu können, wie beispielsweise eine Freundschaft oder eine partnerschaftliche Beziehung zwischen zwei Menschen. Damit ein Mensch einen anderen sein Vertrauen schenken kann, ist also zunächst die Entwicklung eines Grundvertrauens nötig. Um dieses Grundvertrauen – das man auch einen Vertrauensvorschuss auf das künftig zu Leistende nennen könnte – entwickeln zu können, müssen wir uns auf den jeweils anderen einlassen wollen und einlassen können. Wenn sich der jeweils andere als zuverlässig oder finanzmetaphorisch gesprochen als rückzahlungsfähig und rückzahlungswillig erweist und keinen Vorschussbetrug begeht, dann werden wir das Risiko der Vorleistung in Kauf nehmen und diesem nach und nach auch unser volles Vertrauen schenken können. Vertrauen ist also immer auch ein Trauen, ein Risiko, setzt also, ganz im Sinne der etymologischen Bedeutung, Stärke und Festigkeit voraus. Dabei müssen wir bedenken, dass Kinder diese Stärke und Festigkeit jedoch erst einmal mit unserer Hilfe entwickeln müssen, um auf dem Nährboden der Zwischenmenschlichkeit nicht nur wachsen, sondern mit anderen, in einem Umfeld des Vertrauens, auch verwachsen zu können.

Vertrauen ist einer der wichtigsten Nährstoffe für das Geflecht aller sozialen Beziehungen. Es gibt keine Freundschaft und keine Liebe ohne Vertrauen. Ohne Vertrauen wächst über das Misstrauen vor allem eines, die Distanz und mit ihr die Haltung des Abstandes.

Ein Vertrauen, das verletzt wird, ist wie eine verletzte Epidermis. Je nachdem wie tief die vom Vertrauensbruch verursachten Wunden greifen, bleiben manchmal Narben zurück. Narben haben die Angewohnheit an das Trauma zu erinnern, dem sie ihre Entstehung verdanken. Und Menschen, die bereits nach einer Verletzung Narben davongetragen haben, haben es schwer sich erneut auf ähnliche Situationen einzulassen, die zu einer erneuten Verletzung führen können. Um das soziale und eigene Leben auch nach Verletzungen bewältigen zu können, sind Menschen gefragt, die bereit und fähig sind den Traumatisierten die Kraft zu geben, die nötig ist, um zu neuem Vertrauen finden und damit auch neue Lebenswege beschreiten zu können. Einem Vertrauen, das aus dem Labyrinth der Angst in eine Umgebung führt, die ihnen Halt und Orientierung bietet. Denn nicht immer ist es das Verlorene, dass wir wiederfinden müssen, um auch unser Glück zu finden.

 

Theodoros Konstantakopoulos

Inklusion vs. Integration – Eine Gesellschaft in und an ihren Grenzen

Inklusion ist ein Prozess des Verstehens und kein feststehender oder abschließbarer Zustand. Er ist als ein solidarischer Prozess des in gesellschaftlichen Lebenszusammenhängen zu verstehen, der eine Verbesserung von Zugangs-, Teilhabe- und Mitbestimmungschancen von und zwischen Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten oder Eigenschaften bietet. Inklusion ist demzufolge kein unmittelbarer Herstellungsprozess, sondern einer der schrittweisen Annäherung an ein Ideal (vgl. Besand/Jugel, 2016).
Bei der Inklusion geht es also darum das Gesamtsystem in einer Weise zu gestalten, dass den Menschen trotz ihrer vielen verschiedenen körperlichen und geistigen Standards eine Teilhabe am System möglich ist.

Im Unterschied dazu geht es bei der Integration darum, dass einzelne systemexterne Individuen oder Gruppen sich in ein größeres bestehendes System einfinden. Bei der Aufnahme in ein bestehendes System steht bei der Integration, im Unterschied zur Inklusion, nicht das Bestreben zur Schaffung von individuellen Rahmenbedingungen im Vordergrund, sondern eine mehr oder weniger vom System unterstützte Forderung nach Anpassung. Nach dem Prinzip der Integration stehen beispielsweise primär der Flüchtling oder ein Mensch mit Behinderung in der Pflicht, sich den Bedingungen des Gesamtsystems anzupassen. Der Flüchtling hat beispielsweise die deutsche Sprache zu lernen und sich an geltenden Gesetze zu halten. Ein Mensch mit Behinderung kann, wo es seine Fähigkeiten ihm ermöglichen, teil an den verschiedenen Bildungs- oder Erlebnisangeboten des Systems haben. Nicht immer und überall ist ein barrierefreier Zugang in die „gesellschaftlichen Standards“ möglich. Diese Einschränkung betrifft jedoch mehr oder weniger alle Menschen, weil jeder Mensch gegenüber einem Menschen anderen systemrelevante Stärken oder Schwächen besitzt. Wenn es also eine Norm für das Normale gibt oder geben soll, so müssen wir uns fragen, wo diese liegt oder wo und wie wir diese setzen.
Ab wann weicht man von einer Norm ab?
Ab wann treffen wir in unserer Umwelt auf Widerstände, die so groß sind, dass wir nicht mehr zur Norm gehören?

Wenn wir Inklusion anstreben, dann streben wir eine Gesellschaft oder Gemeinschaft an, in der die Regeln Ausnahmen zulassen und sich dadurch stets erweitern.

Wenn wir Integration anstreben, dann streben wir eine Gesellschaft oder Gemeinschaft an, an der sich die Ausnahmen zur Regel gesellen und sich dadurch stets auch beschränken.

Theodoros Konstantakopoulos

Das Zuhause. Ein unveräußerlicher Wert

Der tröstliche Gedanke all jener, die nicht in Geld schwimmen, ist, dass man für Geld nicht alles kaufen kann. Sicherlich kann man vieles von dem, was als unkäuflich oder unverkäuflich gepriesen wird, indirekt für sich gewinnen, denn Zahlungsmittel braucht jeder Mensch der mit anderen und durch andere Menschen lebt. Wer genug Geld besitzt, braucht seine Lebenszeit nicht zu investieren, um welches zu erwerben und damit sein Leben zu sichern. Damit lässt sich Zeit gewissermaßen für Geld kaufen. Manchmal kann man sich auch Gesundheit kaufen. Wer das Geld für aufwendige Operationen und kostenintensive Therapien besitzt, dessen Genesungschancen stehen besser als bei solchen Menschen, die kein Geld dafür haben. Also werden die Verfechter der allumfassenden Käuflich- und Verkäuflichkeit sagen: Was bleibt noch, dass man für Geld nicht kaufen kann? Freundschaft, Liebe, Familie, Glück sind einige dieser unbezahlbaren und nur bedingt käuflichen Werte. Sicher, wenn ich kein Geld habe, so kann ich nicht ausgehen und meine Kontaktmöglichkeiten beschränken sich; wenn ich kein Geld habe, um meinen Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, werde ich vielleicht dazu genötigt davon abzusehen eine Familie zu gründen. Und glücklich, so der gerne formulierte Einwand, macht Geld zwar nicht, aber es hilft glücklich zu werden. Man könnte dem entgegnen: Wenn man auch das für Geld erwirbt, was nur ohne Geld entstehen kann, so verdirbt man es.

Neben den eben genannten Werten, die man mehr oder weniger, direkt oder indirekt kaufen oder nicht kaufen kann gibt es einen Wert, den wir kurz in den Blick nehmen wollen: das Zuhause. Wie verhält es sich mit dem Zuhause? Kann man ein Zuhause kaufen? Sicher ist, dass man sich ein Haus kaufen kann, doch hat man damit auch ein Zuhause? Um das beantworten zu können, müssen wir bestimmen, was ein Zuhause ist.

Ein Ort, der uns fremd bleibt, kann kein Zuhause sein, aber auch Vertrautheit ist kein Garant für ein Zuhause. Wo wir nicht sicher sind, da werden wir uns nie zuhause fühlen, doch selbst die Sicherheit vermag dieses Gefühl nicht zu bieten. Auch ein Ort den wir lieben oder an dem wir geliebt werden, muss nicht der Ort sein, der unser Herz erfüllt. Ein Zuhause muss also mehr sein als das. Welche Voraussetzung lässt sich also nennen? Vielleicht diese, dass der Raum, der das Zuhause bildet, sich nicht mit Gegenständen füllen, sondern nur im Herzen erfüllen lässt. Ein Heimsuchender, der nur vom Geld heimgesucht wird, wird nie den trostvollen und ruhigen Außenraum für seine innere Sehnsucht finden.

Theodoros Konstantakopoulos

Dank für den Lebens-Wert

Das Leben ist ein Geschenk, sagt man. Für Geschenke ist man in der Regel immer dankbar. Um Dankbarkeit gegenüber einem Schenkenden empfinden zu können, müssen wir ein Geschenk oder eine Gabe jedoch zunächst zu schätzen wissen. Das ist immer dann schwierig, wenn uns eine Geste als selbstverständlich erscheint oder dann, wenn wir ein Geschenk gar nicht wollen. Dankbarkeit setzt also gewissermaßen die Fähigkeit und Möglichkeit voraus, die mit dem Geschenk verbundene Intention der Geste zu erkennen. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass der zu ermessende Wert oder Unwert eines Geschenkes materieller oder symbolischer Natur sein kann. So kann beispielsweise die Fähigkeit, die gute Absicht des Schenkens als solche zu erkennen und zu schätzen, einem nutzlosen Geschenk einen Wert verleihen, der über die materielle Nutzlosigkeit hinwegsehen lässt. Geschenke sind aber nicht immer und nicht nur Anlässe und Gaben, die dem Prinzip der Dankbarkeit dienen. Mit Geschenken kann man einen Menschen auch gezielt beleidigen, kränken, in eine Pflicht setzen (Quitt-Dank) oder ihm einfach schaden (Danaergeschenk).

Zudem ist das, was überhaupt die Funktion eines Geschenks erfüllen kann von Mensch zu Mensch, von Epoche zu Epoche, von Kultur zu Kultur und von Alter zu Alter variabel.
Mit der Dankbarkeit für das Leben, sei es das eigene oder das Leben eines anderen, ist eine besondere Schwierigkeit verbunden. Denn das Leben ist immer schon da und mit ihm die Selbstverständlichkeit seiner Gegebenheit. Neben dem Leben erscheint uns oftmals auch all das als selbstverständlich, was scheinbar immer schon so war. Die Liebe und Fürsorge der Eltern, Gesundheit, Treue, die Arbeit anderer etc.

Gewohnheiten stumpfen oft die Sensibilität für das ab, was Dankbarkeit ermöglicht: Die Einsicht in die Besonderheit dessen, was vor und hinter Allem steht. Welches Leben wäre schon was es ist, wenn vor, während und selbst nach dem Leben keine Menschen da wären, die es lebenswert machen. Mit-Menschen können wir mehr oder weniger sein, mehr oder weniger leben, mehr oder weniger glücklich sein. Gemeinsam sind wir stark, heißt es auch: Die ursprünglichste Form der Gemeinsamkeit ist die Familie. Ist die Familienstruktur gesund, so ist es unter normalen Umständen auch das Leben nach der Geburt.

Wer Leben schenken möchte sollte auch bedenken, dass Leben keine milde Gabe ist. Leben geben heißt immer auch Leben zu investieren. Leben ist eine Umverteilung von und aus Liebe. Und, etwas pathetisch resümiert: Liebe ist der wertvollste Ausdruck von Dankbarkeit.

Theodoros Konstantakopoulos

Die Grenzen der erzieherischen Gewalt

Die Grenzen der erzieherischen Gewalt

Gewalttaten, so sagt es bereits das Wort, sind Handlungen und mit jeder Handlung walten wir zugleich, wirken also auf andere oder anderes ein. Handlungen sind bewusste oder unbewusste Aktionen oder Reaktionen auf bestehende Situationen. Häufig ist mit einer Handlung auch eine Absicht verbunden, die gut oder schlecht ist oder sein kann. Steht hinter einer Handlung eine bestimmte Absicht, dann ist der oder die Handelnde darauf aus, den Status einer bestehenden Situation zu beeinflussen. Sei es um sie zu erhalten oder um sie zu verändern. Indem wir auf die Dynamik von Bestehendem eingreifen, üben wir also gewissermaßen eine Gewalt darauf aus, weil wir damit stets auf die bestehenden Grenzen von Gegebenheiten einwirken. Jede Handlung, sei sie sprachlich oder physisch, ist also auch ein Gewaltakt, mit dem wir Mensch und/oder Umwelt schützen, bewahren, verändern oder verletzen können.

Gewalt ist also nicht in jedem Fall mit einer destruktiven (d.h. verletzenden oder zerstörerischen) Ein- oder Auswirkung gleichzusetzen, denn es gibt Handlungen die in guter und es gibt Handlungen die in schlechter Absicht erfolgen Zudem gibt es gewollte und es gibt ungewollte Resultate oder Auswirkungen von Handlungen. Doch die Grenze zwischen den produktiven (schützende Gewalt) und destruktiven Wirkungen der Gewalt (verletzende Gewalt) sind manchmal sehr eng oder unklar. Nicht jede Handlung, die in guter Absicht erfolgt, hat einen glücklichen Ausgang und andersherum. So stehen Erzieher oder Eltern oft vor einer besonderen Herausforderung, wenn sie sich mit der Frage konfrontiert sehen, wie und ob sie einem Kind oder Jugendlichen Grenzen setzen sollen, das durch sein Verhalten selbst gefährliche Grenzen überschreitet oder sie zu überschreiten droht. Diese Frage lässt sich nicht sinnvoll beantworten ohne vorher zu bestimmen, was Grenzen sind, wo die Grenzen liegen und ab wann eine gefährliche Grenzüberschreitung stattfindet, die einen Erzieher oder eine Erzieherin zu einer einschränkenden Grenzsetzung nötigen.

Zunächst einmal gilt es zu erkennen, dass jede Grenze zwei Seiten hat. Indem eine Grenze von beiden Seiten überschritten werden kann, wird ihre Überschreitung von jeder Seite anders wahrgenommen – von dem der überschreitet und von dem, dessen Grenze überschritten wird. Nicht immer ist dem zu erziehenden Kind die Intention der erziehenden Grenzsetzung klar. Diese Ungewissheit führt oft dazu, dass die Grenzsetzung oder Grenzüberschreitung seitens der Erzieher als ein verletzender Gewaltakt erfahren wird. Wenn ich als Erzieher einem süchtigen oder suchtgefährdeten Jugendlichen beispielsweise den Gebrauch seines Smartphones am Esstisch verbiete, so nutze ich meine Autorität und somit meine hierarchische Machtposition, um dem Kind gewaltsam bestimmte Grenzen zu setzen, die ihm zunächst lästig und hinderlich erscheinen werden. Aber beiden Seiten, der des Erziehers und der des Edukanden, muss im Rahmen der pädagogischen Interaktion dabei klar sein oder klar werden, dass nicht jede lieblos erscheinende Grenzsetzung primär einen Gewaltakt darstellen muss und dass nicht jede Beschränkung der eigenen Handlungsfreiheit die Fähigkeit zur Freiheit verringert. Auch Freiheit muss erlernt werden, andernfalls wäre der Mensch von Geburt an frei und bräuchte keine Belehrung oder Grenzsetzung durch andere. Eine pädagogisch wertvolle Grenzsetzung oder Grenzüberschreitung (gute Grenzüberschreitung/Grenzsetzung) kann dem Wohle dienen, das Eigene und das Andere zu schützen oder das Bestehende zu bereichern. Eine vermeintlich pädagogische Grenzsetzung oder Grenzüberschreitung kann aber auch nachhaltigen Schaden anrichten, wie dann, wenn sie ohne erzieherischen Nutzen stattfindet und somit primär eine blinde, affektgesteuerte Aktion oder Reaktion darstellt (schlechte Grenzüberschreitung/Grenzsetzung).

Wie eine Begrenzung des Handlungsspielraums seitens der Eltern oder der Lehrer zu bewerten ist, hängt also stark davon ab, ob der damit einhergehende Eingriff des Erziehers – der mit sprachlichen oder physischen Eingriffen den Aktions- und Freiraum des Kindes oder Jugendlichen beschneidet – zum Zwecke der Vermeidung eines größeren Übels erfolgt oder vielleicht aus eigener Bequemlichkeit heraus, also zur bloßen Vermeidung von persönlichen Umständlichkeiten. Letztlich muss die Entscheidung, wann welches Übel größer ist als ein anderes, nach möglichst objektiven moralischen Kriterien erwogen werden. Ob eine Begrenzung der Handlungsmöglichkeiten oder des Willens anderer eine pädagogisch vertretbare Gewalteinwirkung ist oder eine eigennützige Demonstration und Befriedigung der autoritären Position, hängt also nicht allein von der subjektiven, erzieherisch motivierten und entsprechend gerechtfertigten Intention ab. Gewaltakte gegenüber anderen Menschen können zugunsten eigener oder auch fremder Interessen und Sichtweisen gerechtfertigt erscheinen, gerechtfertigt werden oder sogar gerechtfertigt sein. Sie sind jedoch niemals gerechtfertigt, sobald sie bei dem Edukanden mehr Schaden als Nutzen bewirken also in erster Linie aus Eigennutz, Desinteresse oder Faulheit der Erzieherinnen und Erzieher heraus erfolgen. Ein unbegründeter Gewaltakt hat keinen erzieherischen Nutzen oder Grund und ist somit grund-los also gewalttätig. Auf die Frage, wann dieser destruktive Fall der Gewalt also ein gewalttätiger Gewaltakt vorliegt, kann man somit antworten:

Immer dann, wenn sich der Zweck durch die Mittel meiner Handlung nicht zugleich auch in der Sprache des anderen an diesen richten lässt.

Wir alle wissen, manchmal müssen wir Zustände der Ruhe im Hier und Heute durchbrechen, um sie für morgen wahren zu können. Ebenso müssen wir manchmal auf schönes verzichten, um Schönheit zu bewahren und auf Gewalt, um Gewalt zu untergraben. Denn wer verletzende Gewalt einsetzt, um verletzende Gewalt zu vermeiden, der verzichtet in erster Linie auf eines: auf Erziehung.

Theodoros Konstantakopoulos

Mit-Gefühl erfahren

Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens. Physiologisch betrachtet handelt es sich um Produkte der kognitiven Verarbeitung von sinnlichen Reizen, die gewollt oder ungewollt auf unser Denken und Handeln einwirken. Gefühle haben damit einerseits ihren Ursprung in Erfahrungen, die wir gemacht haben, auf der anderen Seite vervollständigen oder behindern, intensivieren oder verhindern sie durch die ihnen eigene Stimmung aber auch Erfahrungen, die wir ohne sie nicht oder nicht in der Form gemacht hätten. Ebenso hätten wir ohne unseren persönlichen und/oder allgemeinen Erfahrungskontext bestimmte Gefühlslagen in uns nie erfahren. So lässt sich beispielsweise ohne die Erfahrung des Vater- oder Mutter-Seins kaum das originäre Gefühl des mütterlichen und väterlichen Stolzes auf das eigene Kind und seine Entwicklungen und Fortschritte nachvollziehen. Auf der anderen Seite können Menschen, die einem Gefühl der Trauer unterliegen, viele Gelegenheiten ihrer Umwelt nicht wahrnehmen.

Die Verbindung aus Gefühlen und Erfahrungen kann unseren Verstehenshorizont also maßgeblich erweitern oder verengen. Wut und Ärger lassen uns übersehen, was Freude und Glück sehen lassen und andersherum. Eifersucht und Angst werfen ein anderes Licht auf die Liebe als Zuversicht und Vertrauen, Ironie und Komik und ein anderes als Ernst und Besonnenheit.

Im Wechselspiel zwischen den vielen Gefühlen und Erfahrungen sind mehr als zweihundert verschiedene Gefühlszustände möglich. Die damit einhergehende Vielfalt von Zusammenspielen zwischen den einzelnen Gefühlen und den Erfahrungen drückt sich in den zahlreichen Facetten der menschlichen und zwischenmenschlichen Lebensentwürfe und in den ebenso zahlreichen Formen des Zusammenlebens aus.

Auch in der mündlichen Sprache erleben wir es fast täglich, wie sich mittels ihrer zahlreichen Facetten, Spiel- und Begleitformen Gefühle und Gefühlslagen für jeden Anlass entsprechend gestalten und den sprachlichen Inhalten somit anhängen und mit-teilen lassen und somit letztlich stets mehr sind als nur eine bloße Weitergabe oder ein Austausch von Informationen. Mittels unserer Stimmlage, Bild- und Körpersprache kann jedem Wort eine spezifische Gefühlsnuance verliehen werden, die den kommunikativen Gehalten unserer Aussagen einen besonderen Aus- und Nachdruck verleihen können. Diese Begleitformen der Sprache sind oftmals wirksamer als der lexikalische Inhalt, den sie transportieren. Die Sprache der Politiker ist ein gutes Beispiel für große Wirkung mit wenig Inhalt. Wir kennen dieses Phänomen aber auch aus der Musik. Eine schöne Melodie lässt den manchmal misslungenen Text überhören und andersherum lässt ein schöner Text eine eher missglückte instrumentale Begleitung ertragbar werden. Verkürzt gesagt: Der Ton macht die Musik. Und das gilt ebenso für zwischenmenschliche Interaktionen.

Als Ausgangsort der sozialen und emotionalen Prägung ist die Familie die privilegierte Gemeinschafts- und Lebensform, in der eine Verbindung zwischen diesen beiden Größen ihre Ein- und Abstimmung erfährt oder erfahren sollte. Innerhalb der Familie und als Familie lernen wir die grundlegende Form des Miteinanders kennen, in der stets Gefühle in Erfahrungen und Erfahrungen in Gefühle eingeschrieben werden.

Wer es schafft seinem Kind oder auch seinen Mitmenschen seine sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen Mit-Gefühl zu vermitteln, bietet mehr als pädagogische und soziale Anhaltspunkte, er bietet zugleich menschliche und damit auch zwischen-menschliche Berührungspunkte. Für die Erziehung heißt das: Jede Pädagogik ohne Mit-Gefühl ist blind und Gefühle ohne pädagogischen Inhalt sind leer.

Theodoros Konstantakopoulos

Der Weg der Familie

Der Nachvollzug der Herkunft von Wörtern ist manchmal aufschlussreich, wenn es darum geht auch das zu verstehen, was hinter ihrer alltagssprachlichen Bedeutung verborgen liegt. Wenn man die Herkunft des Wortes Familie unter die etymologische Lupe nimmt und die Veränderungen der mit diesem Wort verbundenen Assoziationen und Konnotationen nachvollzieht, so trifft das ebenfalls zu. Das Wort Familie ist vom lateinischen Wort famulus abgeleitet, was sich mit Gehilfe oder Diener übersetzen lässt. So stand beispielsweise im antiken Rom nicht die Vorstellung einer Kernfamilie im Vordergrund dessen, was mit diesem Wort verbunden wurde, sondern die der kleinsten ökonomischen Einheit. Der pater familias, also das ranghöchste männliche Familienoberhaupt, war für eine aus den Kindern, der Frau, den Sklaven und den daraus hervorgehenden Familienmitgliedern bestehende Familienkonstellation bezeichnend. Die patriarchalische Position des pater familias verlieh der Familie aus heutiger Sicht eher den Charakter eines Herrschafts- oder Machtverhältnisses, die zudem vermögensrechtlich ausgerichtet war.

Eine wesentliche Zäsur erfuhr die Familie als Institution im Mittelalter durch die vom Christentum eingeführte Eheschließung. Der Bund der Ehe war im Mittelalter noch primär ein Bund zwischen zwei Häusern. Durch die eheliche Verbindung wurde die kernfamiliäre Familienzugehörigkeit zu einer umfassenderen und somit stärkenden Einheit erweitert. Gillis bemerkt: „Unsere Vorfahren wären nie auf den absurden Gedanken gekommen, etwas so Wichtiges wie Ehe und Familie auf etwas so Unzuverlässiges wie das Gefühl persönlicher Zuneigung und Liebe zu gründen”. (John R. Gillis: Mythos Familie. Auf der Suche nach der eigenen Lebensform). Was sich jedoch zu dieser Zeit entwickelte war das Prinzip der Hausgemeinschaft als ein charakteristischer Rahmen für eine Familiengemeinschaft. Doch erst im Laufe des 18. Jahrhundert setzte sich das aus dem Französischen abgeleitete und alltagssprachliche Wort Familie, im heutigen Sinne eines blutsverwandtschaftlichen Verbandes und einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation, durch. Die Vorstellung von Familie entwickelte sich zunehmend von einem ökonomischen Verband zu einer emotionalen Gemeinschaft. Ein Jahrhundert später führten die genannten Veränderungen dann auch zum Ausschluss des Zusammenlebens mit nichtverwandten Personen, womit zugleich die bürgerliche Vorstellung einer selbstgegründeten, geschlosseneren kernfamiliären Intimität einherging. Zugleich kam es jedoch bei den Bürger- und Arbeiterfamilien, durch die existenziell notwendig gewordene Verlagerung des Arbeits- und Lebensortes und der damit einhergehenden Entstehung von immer mehr Stadtfamilien, zu einer Auflösung der Lebensform vom Prinzip der Hausgemeinschaft.

Und was hat sich bis heute verändert? Anders als damals sind heute nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familienkonzepte nahezu selbstverständlich. Fortpflanzung und Lebensgemeinschaft bedürfen heute keiner Legitimation durch eine eheliche Normierung. Die allgemeingültigen Merkmale für eine typische Familie werden immer dehnbarer. Mittlerweile lassen sich an die hundert Familientypen unterscheiden. Patchwork Familien, verschiedene Varianten von Einelternfamilien, Regenbogenfamilien oder Pflegefamilien sind nur einige dieser rechtlich und gesellschaftlich zumeist tolerierten, anerkannten und staatlich geförderten Familienvarianten. Die kulturellen, sexuellen, sozialen Variationen in gesellschaftlichen Zeit-Räumen haben eine Vielzahl von Familienstrukturen hervorgebracht, die, im Gegensatz zu ihren Vorgängerversionen, weniger patriarchalisch gestimmt sind, weniger weltanschaulichen Konsens aufweisen, einen teils eigenständigeren mikropolitischen Entstehungs- und Schutzraum bieten und in denen die Kinder zugleich wesentlich mehr erzieherischen Einflüssen ausgesetzt sind. So üben beispielsweise neben den Eltern, den Verwandten, den Freunden und den Kindergärtnern und Lehrern auch eine Vielzahl von Medien erzieherischen Einfluss auf die Denk- und Handlungsweisen von Kindern aus.

Von der Antike bis heute hat sich das, was wir unter der Bezeichnung Familie zusammenfassen also kontinuierlich verändert und wurde in verschiedenen Kulturen immer wieder neu definiert. Die Lebensform Familie mag als solche demnach unverwüstlich sein, wie Tilman Allert sagt, doch die strukturellen, mikropolitischen Eigenheiten der Familie und das Verständnis davon was Familie ist und was sie ausmacht, sind keine anthropologischen Konstanten, sondern vielmehr epochen- und kulturspezifische Variablen.

Familie zuzulassen bedeutet also immer auch Veränderungen und Alternativen zuzulassen. Dafür gilt es zu verstehen, dass sich jede Idee von Familie stets nur an einem variablen Punkt auf der fortschreitenden Entwicklungslinie der menschlichen Geschichte befindet.

Um dem emotionalen Stellenwert gerecht zu werden, der die Idee von Familie heute charakterisiert, könnte man sie als einen vertrauten Ort des Vertrauens beschreiben, in dem der Sehnsucht nach Liebe, Schutz und Geborgenheit eine Heimat geboten wird. Dort, wo sich ein solcher Ort realisiert, ist Familie.

Theodoros Konstantakopoulos

Wenn ich nicht die Insel hätte…

Zum Abschluss eines Seminars auf der Insel Langeoog für Pflegeväter bekennt ein Teilnehmer: „Wenn das Seminar nicht auf einer Nordseeinsel wäre, hätte es schon mehrere Anlässe gegeben, dass ich vorzeitig nach Hause gefahren wäre, weil ich zu Hause gebraucht werde.“ Etliche andere Pflegeväter bestätigen dies. Alle sind froh, wenigstens ein Wochenende im Jahr die Erfahrung der Entschleunigung machen zu können. Ein Seminar ohne Stress und terminliche Taktung – ist das nicht doch eigentlich Privatsache? Müssen die Pflegeeltern nicht im Sinne der Selbstfürsorge eigenverantwortlich solche Auszeiten für sich organisieren?

Ein Seminar für Väter ist ein Erfahrungsraum, der besondere Möglichkeiten bietet. Hier kann über die Zeit eine Vertrauensbasis entstehen, um Themen anzusprechen, die im Alltag untergehen, aber eine zentrale pädagogische Bedeutung haben. Diesmal sind wir über die Technik (Umgang mit Smartphones und Internet) zu Fragen, die die pädagogische Haltung berühren, gekommen. Es bedarf keines festen Seminarplanes, sondern es reichen Impulse, um für stundenlange intensive Diskussionen bis spät in die Nacht zu sorgen, die lange nachwirken.

In der Distanz zum Alltag sind wir offener, uns berühren zu lassen und in der Gemeinschaft unterstützen und entlasten sich die Pflegeväter. Konfrontationen bleiben nicht aus, sie sind aber auszuhalten, weil Gelegenheit ist, sie konstruktiv zu bearbeiten.

Wir haben uns zu einem speziellen Seminar zur Medienkompetenz und zum nächsten Pflegeväterseminar 2016 – wieder auf der Nordseeinsel Langeoog – der „Insel fürs Leben“ (so das Motto der Insel) verabredet.

Klaus Münstermann

 

Erziehung ohne Strafe – möglich?

Gehorsame Kinder, die „funktionieren“, sind das Wunschbilder der Vergangenheit? Wie groß ist die stille Sehnsucht, dass doch einfach mal „Ruhe im Karton“ sein soll?  Wie reagieren wir Eltern, wenn wir „bis aufs Blut gereizt“ werden? Wo verläuft die Grenze zu erniedrigenden Strafen?

Pflegeeltern können in Konflikten mit ihren Kindern wieder mit ihren eigenen, durch ihre Eltern erfahrenen entwürdigenden Strafpraktiken in Berührung kommen. Wenn das Pflegeelternteil selbst durch eine intensive Familienberatung nicht erreichbar ist und sie bzw. er die Gefühlskälte der eigenen Eltern reproduziert – wie kann so etwas verhindert werden?

Ich habe den Eindruck, dass wir vor der Vermittlung eines Kindes die „dunklen Seiten der Erziehung“ (Mathias Schwabe) zu wenig in den Blick nehmen. Und diese blinden Flecken zeigen sich bereits bei ganz einfachen Erziehungskonflikten: Ist Erziehung ohne Strafe möglich? Nur wenige Erwachsene (selbst ausgebildete und berufserfahrene PädagogInnen) werden diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. „Wie soll ich sonst mein Kind steuern, wenn nicht durch Sanktionen, sofern sie notwendig sind?“ – werden viele fragen? Das Verhältnis von Macht und Ohnmacht kommt ins Spiel. Aber auch der Stolz und der Druck, erfolgreich zu sein, werden in solchen Situationen deutlich.

Eine intensive Auseinandersetzung über die Ausgangsfrage jeder Erziehung zum Verhältnis zwischen dem auf Fürsorge angewiesenen Kind und den Eltern könnte deutlicher werden lassen, welche Voraussetzungen zukünftige Pflegeeltern erfüllen müssen. Das Leitziel „Erziehung ohne Strafe“ muss in der Vorbereitung wie der späteren Beratung  immer wieder konkret reflektiert werden. Wahrscheinlich ist die „Wenn – dann – Pädagogik“ („Wenn Du jetzt nicht Dein Zimmer aufräumst, darfst Du heute Abend nicht ins Internet!“) sehr resistent gegenüber Reformbemühungen, aber wir dürfen unsere pädagogischen Ansprüche nicht aufgeben. Ich vertrete den Standpunkt, dass Erziehung auf Strafe verzichten kann.

BewerberInnen für die Vermittlung eines Pflegekindes müssen die Belastungen und Traumata ihrer eigenen Erziehung kennen, interessiert sein, sie zu bearbeiten und lernen, diese Erfahrung als Ressource zu nutzen. Die Praxis zeigt, dass dies möglich ist.

Klaus Münstermann