Mit-Gefühl erfahren

Gefühle sind ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen Lebens. Physiologisch betrachtet handelt es sich um Produkte der kognitiven Verarbeitung von sinnlichen Reizen, die gewollt oder ungewollt auf unser Denken und Handeln einwirken. Gefühle haben damit einerseits ihren Ursprung in Erfahrungen, die wir gemacht haben, auf der anderen Seite vervollständigen oder behindern, intensivieren oder verhindern sie durch die ihnen eigene Stimmung aber auch Erfahrungen, die wir ohne sie nicht oder nicht in der Form gemacht hätten. Ebenso hätten wir ohne unseren persönlichen und/oder allgemeinen Erfahrungskontext bestimmte Gefühlslagen in uns nie erfahren. So lässt sich beispielsweise ohne die Erfahrung des Vater- oder Mutter-Seins kaum das originäre Gefühl des mütterlichen und väterlichen Stolzes auf das eigene Kind und seine Entwicklungen und Fortschritte nachvollziehen. Auf der anderen Seite können Menschen, die einem Gefühl der Trauer unterliegen, viele Gelegenheiten ihrer Umwelt nicht wahrnehmen.

Die Verbindung aus Gefühlen und Erfahrungen kann unseren Verstehenshorizont also maßgeblich erweitern oder verengen. Wut und Ärger lassen uns übersehen, was Freude und Glück sehen lassen und andersherum. Eifersucht und Angst werfen ein anderes Licht auf die Liebe als Zuversicht und Vertrauen, Ironie und Komik und ein anderes als Ernst und Besonnenheit.

In diesem Wechselspiel zwischen Gefühlen und Erfahrungen sind mehr als zweihundert verschiedene Gefühlszustände möglich. Die damit einhergehende Vielfalt von Zusammenspielen zwischen den einzelnen Gefühlen und den Erfahrungen drückt sich in den zahlreichen Facetten der menschlichen und zwischenmenschlichen Lebensentwürfe und in den ebenso zahlreichen Formen des Zusammenlebens aus.

Auch in der mündlichen Sprache erleben wir es fast täglich, wie sich mittels ihrer zahlreichen Facetten, Spiel- und Begleitformen Gefühle und Gefühlslagen für jeden Anlass entsprechend gestalten und den sprachlichen Inhalten somit anhängen und mit-teilen lassen und somit letztlich stets mehr sind als nur eine bloße Weitergabe oder ein Austausch von Informationen. Mittels unserer Stimmlage, Bild- und Körpersprache kann jedem Wort eine spezifische Gefühlsnuance verliehen werden, die den kommunikativen Gehalten unserer Aussagen einen besonderen Aus- und Nachdruck verleihen können. Diese Begleitformen der Sprache sind oftmals wirksamer als der lexikalische Inhalt, den sie transportieren. Die Sprache der Politiker ist ein gutes Beispiel für große Wirkung mit wenig Inhalt. Wir kennen dieses Phänomen aber auch aus der Musik. Eine schöne Melodie lässt den manchmal misslungenen Text überhören und andersherum lässt ein schöner Text eine eher missglückte instrumentale Begleitung ertragbar werden. Verkürzt gesagt: Der Ton macht die Musik. Und das gilt ebenso für zwischenmenschliche Interaktionen.

Als Ausgangsort der sozialen und emotionalen Prägung ist die Familie die privilegierte Gemeinschafts- und Lebensform, in der eine Verbindung zwischen diesen beiden Größen ihre Ein- und Abstimmung erfährt oder erfahren sollte. Innerhalb der Familie und als Familie lernen wir die grundlegende Form des Miteinanders kennen, in der stets Gefühle in Erfahrungen und Erfahrungen in Gefühle eingeschrieben werden.

Wer es schafft seinem Kind oder auch seinen Mitmenschen seine sprachlichen und nicht-sprachlichen Handlungen Mit-Gefühl zu vermitteln, bietet mehr als pädagogische und soziale Anhaltspunkte, er bietet zugleich menschliche und damit auch zwischen-menschliche Berührungspunkte. Für die Erziehung heißt das: Jede Pädagogik ohne Mit-Gefühl ist blind und Gefühle ohne pädagogischen Inhalt sind leer.

Theodoros Konstantakopoulos

Der Weg der Familie

Der Nachvollzug der Herkunft von Wörtern ist manchmal aufschlussreich, wenn es darum geht das zu verstehen, wofür sie wirklich stehen. Auf die Herkunft des Wortes Familie trifft das nur zum Teil zu wenn man die Veränderungen der mit ihn verbundenen Assoziationen berücksichtigt, die es durchgemacht hat. Das Wort Familie ist vom lateinischen Wort famulus abgeleitet, was sich mit Gehilfe oder Diener übersetzen lässt. So stand beispielsweise im antiken Rom nicht die Vorstellung einer Kernfamilie im Vordergrund dessen, was mit diesem Wort verbunden wurde, sondern die der kleinsten ökonomischen Einheit. Der pater familas, also das ranghöchste männliche Familienoberhaupt, war für eine aus den Kindern, der Frau, den Sklaven und den daraus hervorgehenden Familienmitgliedern bestehende Familienkonstellation bezeichnend. Die patriarchalische Position des pater familas verlieh der Familie aus heutiger Sicht eher den Charakter eines Herrschafts- oder Machtverhältnisses, die zudem vermögensrechtlich ausgerichtet war.

Eine wesentliche Zäsur erfuhr die Familie als Institution im Mittelalter durch die vom Christentum eingeführte Eheschließung. Der Bund der Ehe war im Mittelalter noch primär ein Bund zwischen zwei Häusern. Durch die eheliche Verbindung wurde die kernfamiliäre Familienzugehörigkeit zu einer umfassenderen und somit stärkenden Einheit erweitert. Gillis bemerkt: „Unsere Vorfahren wären nie auf den absurden Gedanken gekommen, etwas so Wichtiges wie Ehe und Familie auf etwas so Unzuverlässiges wie das Gefühl persönlicher Zuneigung und Liebe zu gründen”. (John R. Gillis: Mythos Familie. Auf der Suche nach der eigenen Lebensform). Was sich jedoch zu dieser Zeit entwickelte war das Prinzip der Hausgemeinschaft als ein charakteristischer Rahmen für eine Familiengemeinschaft. Doch erst im Laufe des 18. Jahrhundert setzte sich das aus dem Französischen abgeleitete und alltagssprachliche Wort Familie, im heutigen Sinne eines blutsverwandtschaftlichen Verbandes und einer Mutter-Vater-Kind-Konstellation, durch. Die Vorstellung von Familie entwickelte sich zunehmend von einem ökonomischen Verband zu einer emotionalen Gemeinschaft. Ein Jahrhundert später führten die genannten Veränderungen dann auch zum Ausschluss des Zusammenlebens mit nichtverwandten Personen, womit zugleich die bürgerliche Vorstellung einer selbstgegründeten, geschlosseneren kernfamiliären Intimität einherging. Zugleich kam es jedoch bei den Bürger- und Arbeiterfamilien, durch die existenziell notwendig gewordene Verlagerung des Arbeits- und Lebensortes und der damit einhergehenden Entstehung von immer mehr Stadtfamilien, zu einer Auflösung der Lebensform vom Prinzip der Hausgemeinschaft.

Und was hat sich bis heute verändert? Anders als damals sind heute nichteheliche Lebensgemeinschaften und Familienkonzepte nahezu selbstverständlich. Fortpflanzung und Lebensgemeinschaft bedürfen heute keiner Legitimation durch eine eheliche Normierung. Die allgemeingültigen Merkmale für eine typische Familie werden immer dehnbarer. Mittlerweile lassen sich an die hundert Familientypen unterscheiden. Patchwork Familien, verschiedene Varianten von Einelternfamilien, Regenbogenfamilien oder Pflegefamilien sind nur einige dieser rechtlich und gesellschaftlich zumeist tolerierten, anerkannten und staatlich geförderten Familienvarianten. Die kulturellen, sexuellen, sozialen Variationen in gesellschaftlichen Zeit-Räumen haben eine Vielzahl von Familienstrukturen hervorgebracht, die, im Gegensatz zu ihren Vorgängerversionen, weniger patriarchalisch gestimmt sind, weniger weltanschaulichen Konsens aufweisen, einen teils eigenständigeren mikropolitischen Entstehungs- und Schutzraum bieten und in denen die Kinder zugleich wesentlich mehr erzieherischen Einflüssen ausgesetzt sind. So üben beispielsweise neben den Eltern, den Verwandten, den Freunden und den Kindergärtnern und Lehrern auch eine Vielzahl von Medien erzieherischen Einfluss auf die Denk- und Handlungsweisen von Kindern aus.

Von der Antike bis heute hat sich das, was wir unter der Bezeichnung Familie zusammenfassen also kontinuierlich verändert und wurde in verschiedenen Kulturen immer wieder neu definiert. Die Lebensform Familie mag als solche demnach unverwüstlich sein, wie Tilman Allert sagt, doch die strukturellen, mikropolitischen Eigenheiten der Familie und das Verständnis davon was Familie ist und was sie ausmacht, sind keine anthropologischen Konstanten, sondern vielmehr epochen- und kulturspezifische Variablen.

Familie zuzulassen bedeutet also immer auch Veränderungen und Alternativen zuzulassen. Dafür gilt es zu verstehen, dass sich jede Idee von Familie stets nur an einem variablen Punkt auf der fortschreitenden Entwicklungslinie der menschlichen Geschichte befindet.

Um dem emotionalen Stellenwert gerecht zu werden, der die Idee von Familie heute charakterisiert, könnte man sie als einen vertrauten Ort des Vertrauens beschreiben, in dem der Sehnsucht nach Schutz und Geborgenheit eine Heimat geboten wird. Dort, wo sich ein solcher Ort realisiert, ist Familie.

Theodoros Konstantakopoulos

Wenn ich nicht die Insel hätte…

Zum Abschluss eines Seminars auf der Insel Langeoog für Pflegeväter bekennt ein Teilnehmer: „Wenn das Seminar nicht auf einer Nordseeinsel wäre, hätte es schon mehrere Anlässe gegeben, dass ich vorzeitig nach Hause gefahren wäre, weil ich zu Hause gebraucht werde.“ Etliche andere Pflegeväter bestätigen dies. Alle sind froh, wenigstens ein Wochenende im Jahr die Erfahrung der Entschleunigung machen zu können. Ein Seminar ohne Stress und terminliche Taktung – ist das nicht doch eigentlich Privatsache? Müssen die Pflegeeltern nicht im Sinne der Selbstfürsorge eigenverantwortlich solche Auszeiten für sich organisieren?

Ein Seminar für Väter ist ein Erfahrungsraum, der besondere Möglichkeiten bietet. Hier kann über die Zeit eine Vertrauensbasis entstehen, um Themen anzusprechen, die im Alltag untergehen, aber eine zentrale pädagogische Bedeutung haben. Diesmal sind wir über die Technik (Umgang mit Smartphones und Internet) zu Fragen, die die pädagogische Haltung berühren, gekommen. Es bedarf keines festen Seminarplanes, sondern es reichen Impulse, um für stundenlange intensive Diskussionen bis spät in die Nacht zu sorgen, die lange nachwirken.

In der Distanz zum Alltag sind wir offener, uns berühren zu lassen und in der Gemeinschaft unterstützen und entlasten sich die Pflegeväter. Konfrontationen bleiben nicht aus, sie sind aber auszuhalten, weil Gelegenheit ist, sie konstruktiv zu bearbeiten.

Wir haben uns zu einem speziellen Seminar zur Medienkompetenz und zum nächsten Pflegeväterseminar 2016 – wieder auf der Nordseeinsel Langeoog – der „Insel fürs Leben“ (so das Motto der Insel) verabredet.

Klaus Münstermann

 

Erziehung ohne Strafe – möglich?

Gehorsame Kinder, die „funktionieren“, sind das Wunschbilder der Vergangenheit? Wie groß ist die stille Sehnsucht, dass doch einfach mal „Ruhe im Karton“ sein soll?  Wie reagieren wir Eltern, wenn wir „bis aufs Blut gereizt“ werden? Wo verläuft die Grenze zu erniedrigenden Strafen?

Pflegeeltern können in Konflikten mit ihren Kindern wieder mit ihren eigenen, durch ihre Eltern erfahrenen entwürdigenden Strafpraktiken in Berührung kommen. Wenn das Pflegeelternteil selbst durch eine intensive Familienberatung nicht erreichbar ist und sie bzw. er die Gefühlskälte der eigenen Eltern reproduziert – wie kann so etwas verhindert werden?

Ich habe den Eindruck, dass wir vor der Vermittlung eines Kindes die „dunklen Seiten der Erziehung“ (Mathias Schwabe) zu wenig in den Blick nehmen. Und diese blinden Flecken zeigen sich bereits bei ganz einfachen Erziehungskonflikten: Ist Erziehung ohne Strafe möglich? Nur wenige Erwachsene (selbst ausgebildete und berufserfahrene PädagogInnen) werden diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. „Wie soll ich sonst mein Kind steuern, wenn nicht durch Sanktionen, sofern sie notwendig sind?“ – werden viele fragen? Das Verhältnis von Macht und Ohnmacht kommt ins Spiel. Aber auch der Stolz und der Druck, erfolgreich zu sein, werden in solchen Situationen deutlich.

Eine intensive Auseinandersetzung über die Ausgangsfrage jeder Erziehung zum Verhältnis zwischen dem auf Fürsorge angewiesenen Kind und den Eltern könnte deutlicher werden lassen, welche Voraussetzungen zukünftige Pflegeeltern erfüllen müssen. Das Leitziel „Erziehung ohne Strafe“ muss in der Vorbereitung wie der späteren Beratung  immer wieder konkret reflektiert werden. Wahrscheinlich ist die „Wenn – dann – Pädagogik“ („Wenn Du jetzt nicht Dein Zimmer aufräumst, darfst Du heute Abend nicht ins Internet!“) sehr resistent gegenüber Reformbemühungen, aber wir dürfen unsere pädagogischen Ansprüche nicht aufgeben. Ich vertrete den Standpunkt, dass Erziehung auf Strafe verzichten kann.

BewerberInnen für die Vermittlung eines Pflegekindes müssen die Belastungen und Traumata ihrer eigenen Erziehung kennen, interessiert sein, sie zu bearbeiten und lernen, diese Erfahrung als Ressource zu nutzen. Die Praxis zeigt, dass dies möglich ist.

Klaus Münstermann

„Sie“ oder „Du“ in der Familienberatung?

Als ich vor einigen Tagen die facebook-Seite für tibb eingerichtete, fragte ich beim ersten Posting, was denn die „Besucher“ meinen, wie wir von tibb potentielle neue Pflegefamilien ansprechen sollten? Die Resonanz darauf war eindeutig: es sollte das partnerschaftliche „Du“ sein. Nun ist facebook zumindest sprachlich sowieso von „Freundschaften“ geprägt und da fällt es leicht, sich unkompliziert untereinander anzusprechen. Als ich auf facebook eine interessierte Bewerberin antwortete, habe ich locker mit „Du“ geantwortet (auch weil sie sich in meiner kleinen Befragung dafür ausgesprochen hatte), aber als ich ihr am nächsten Tag eine Art offizielle Email schrieb, war ich mir dann doch nicht mehr so sicher. Es kommt also auf den Kontext an.

Wie ist es bei der Familienberatung? Die MitarbeiterInnen von tibb haben zu der Frage der Anrede ganz unterschiedliche Positionen. Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz ist angesprochen: Lieber professionelle Distanz oder doch partnerschaftliche Kommunikation? Meine Erfahrung ist, dass man als FamilienberaterIn kritische Dinge auch dann ansprechen kann, wenn man sich „auf Augenhöhe“ begegnet. Mir fällt dies sehr viel leichter, wenn eine vertrauensvolle und partnerschaftliche Basis über die Jahre entstanden ist und die Nähe nicht zur Kumpanei verkommt. Es bedarf einer souveränen Haltung, aus der heraus man als FamilienberaterIn ganz „nah“ bei den Pflegefamilien sein kann, ohne jedoch Teil des Familiensystems zu werden.

Familienberatung setzt Distanz voraus, um den Überblick nicht zu verlieren und notwendige Interventionen rechtzeitig zu erkennen. Auch in der freundschaftlichen Atmosphäre des „Du“s kann ich meinem Gegenüber (hier der Pflegefamilie) meine Rolle deutlich machen – es kommt auf den Kontrakt an.

Jede Pflegefamilie sollte die Wahl haben, wie sie angesprochen werden möchte, sollte äußern können, welcher Kommunikationsstil ihr hilft. Die Familienberatung ist doch letztlich eine Dienstleistung – mit „Menschlichkeit als Methode“ (Anne Frommann).

Wir werden die Frage der Anredeform in der nächsten Woche auf unserem Mitarbeiterseminar noch einmal aufgreifen.

Klaus Münstermann