Wenn ich nicht die Insel hätte…

Zum Abschluss eines Seminars auf der Insel Langeoog für Pflegeväter bekennt ein Teilnehmer: „Wenn das Seminar nicht auf einer Nordseeinsel wäre, hätte es schon mehrere Anlässe gegeben, dass ich vorzeitig nach Hause gefahren wäre, weil ich zu Hause gebraucht werde.“ Etliche andere Pflegeväter bestätigen dies. Alle sind froh, wenigstens ein Wochenende im Jahr die Erfahrung der Entschleunigung machen zu können. Ein Seminar ohne Stress und terminliche Taktung – ist das nicht doch eigentlich Privatsache? Müssen die Pflegeeltern nicht im Sinne der Selbstfürsorge eigenverantwortlich solche Auszeiten für sich organisieren?

Ein Seminar für Väter ist ein Erfahrungsraum, der besondere Möglichkeiten bietet. Hier kann über die Zeit eine Vertrauensbasis entstehen, um Themen anzusprechen, die im Alltag untergehen, aber eine zentrale pädagogische Bedeutung haben. Diesmal sind wir über die Technik (Umgang mit Smartphones und Internet) zu Fragen, die die pädagogische Haltung berühren, gekommen. Es bedarf keines festen Seminarplanes, sondern es reichen Impulse, um für stundenlange intensive Diskussionen bis spät in die Nacht zu sorgen, die lange nachwirken.

In der Distanz zum Alltag sind wir offener, uns berühren zu lassen und in der Gemeinschaft unterstützen und entlasten sich die Pflegeväter. Konfrontationen bleiben nicht aus, sie sind aber auszuhalten, weil Gelegenheit ist, sie konstruktiv zu bearbeiten.

Wir haben uns zu einem speziellen Seminar zur Medienkompetenz und zum nächsten Pflegeväterseminar 2016 – wieder auf der Nordseeinsel Langeoog – der „Insel fürs Leben“ (so das Motto der Insel) verabredet.

Klaus Münstermann

 

Erziehung ohne Strafe – möglich?

Gehorsame Kinder, die „funktionieren“, sind das Wunschbilder der Vergangenheit? Wie groß ist die stille Sehnsucht, dass doch einfach mal „Ruhe im Karton“ sein soll?  Wie reagieren wir Eltern, wenn wir „bis aufs Blut gereizt“ werden? Wo verläuft die Grenze zu erniedrigenden Strafen?

Pflegeeltern können in Konflikten mit ihren Kindern wieder mit ihren eigenen, durch ihre Eltern erfahrenen entwürdigenden Strafpraktiken in Berührung kommen. Wenn das Pflegeelternteil selbst durch eine intensive Familienberatung nicht erreichbar ist und sie bzw. er die Gefühlskälte der eigenen Eltern reproduziert – wie kann so etwas verhindert werden?

Ich habe den Eindruck, dass wir vor der Vermittlung eines Kindes die „dunklen Seiten der Erziehung“ (Mathias Schwabe) zu wenig in den Blick nehmen. Und diese blinden Flecken zeigen sich bereits bei ganz einfachen Erziehungskonflikten: Ist Erziehung ohne Strafe möglich? Nur wenige Erwachsene (selbst ausgebildete und berufserfahrene PädagogInnen) werden diese Frage mit einem klaren „Ja“ beantworten. „Wie soll ich sonst mein Kind steuern, wenn nicht durch Sanktionen, sofern sie notwendig sind?“ – werden viele fragen? Das Verhältnis von Macht und Ohnmacht kommt ins Spiel. Aber auch der Stolz und der Druck, erfolgreich zu sein, werden in solchen Situationen deutlich.

Eine intensive Auseinandersetzung über die Ausgangsfrage jeder Erziehung zum Verhältnis zwischen dem auf Fürsorge angewiesenen Kind und den Eltern könnte deutlicher werden lassen, welche Voraussetzungen zukünftige Pflegeeltern erfüllen müssen. Das Leitziel „Erziehung ohne Strafe“ muss in der Vorbereitung wie der späteren Beratung  immer wieder konkret reflektiert werden. Wahrscheinlich ist die „Wenn – dann – Pädagogik“ („Wenn Du jetzt nicht Dein Zimmer aufräumst, darfst Du heute Abend nicht ins Internet!“) sehr resistent gegenüber Reformbemühungen, aber wir dürfen unsere pädagogischen Ansprüche nicht aufgeben. Ich vertrete den Standpunkt, dass Erziehung auf Strafe verzichten kann.

BewerberInnen für die Vermittlung eines Pflegekindes müssen die Belastungen und Traumata ihrer eigenen Erziehung kennen, interessiert sein, sie zu bearbeiten und lernen, diese Erfahrung als Ressource zu nutzen. Die Praxis zeigt, dass dies möglich ist.

Klaus Münstermann

„Sie“ oder „Du“ in der Familienberatung?

Als ich vor einigen Tagen die facebook-Seite für tibb eingerichtete, fragte ich beim ersten Posting, was denn die „Besucher“ meinen, wie wir von tibb potentielle neue Pflegefamilien ansprechen sollten? Die Resonanz darauf war eindeutig: es sollte das partnerschaftliche „Du“ sein. Nun ist facebook zumindest sprachlich sowieso von „Freundschaften“ geprägt und da fällt es leicht, sich unkompliziert untereinander anzusprechen. Als ich auf facebook eine interessierte Bewerberin antwortete, habe ich locker mit „Du“ geantwortet (auch weil sie sich in meiner kleinen Befragung dafür ausgesprochen hatte), aber als ich ihr am nächsten Tag eine Art offizielle Email schrieb, war ich mir dann doch nicht mehr so sicher. Es kommt also auf den Kontext an.

Wie ist es bei der Familienberatung? Die MitarbeiterInnen von tibb haben zu der Frage der Anrede ganz unterschiedliche Positionen. Das Spannungsfeld von Nähe und Distanz ist angesprochen: Lieber professionelle Distanz oder doch partnerschaftliche Kommunikation? Meine Erfahrung ist, dass man als FamilienberaterIn kritische Dinge auch dann ansprechen kann, wenn man sich „auf Augenhöhe“ begegnet. Mir fällt dies sehr viel leichter, wenn eine vertrauensvolle und partnerschaftliche Basis über die Jahre entstanden ist und die Nähe nicht zur Kumpanei verkommt. Es bedarf einer souveränen Haltung, aus der heraus man als FamilienberaterIn ganz „nah“ bei den Pflegefamilien sein kann, ohne jedoch Teil des Familiensystems zu werden.

Familienberatung setzt Distanz voraus, um den Überblick nicht zu verlieren und notwendige Interventionen rechtzeitig zu erkennen. Auch in der freundschaftlichen Atmosphäre des „Du“s kann ich meinem Gegenüber (hier der Pflegefamilie) meine Rolle deutlich machen – es kommt auf den Kontrakt an.

Jede Pflegefamilie sollte die Wahl haben, wie sie angesprochen werden möchte, sollte äußern können, welcher Kommunikationsstil ihr hilft. Die Familienberatung ist doch letztlich eine Dienstleistung – mit „Menschlichkeit als Methode“ (Anne Frommann).

Wir werden die Frage der Anredeform in der nächsten Woche auf unserem Mitarbeiterseminar noch einmal aufgreifen.

Klaus Münstermann